Jetzt gibt es doch tatsächlich eine Veranstaltung mit dem schönen Titel «Das Dählhölzli für Seniorinnen und Senioren». Und der Beschrieb dazu: «Bei diesem besonderen Rundgang nehmen wir uns Zeit, den Tierpark ganz entspannt zu erleben». Und bei mir kommen Kindheitserinnerungen – ja Traumas hoch!
Als Senior mit 65 Lenzen sollte mich ja eigentlich dieser «besondere Rundgang» durch den Tierpark Dählhölzli ansprechen. Stattdessen bekomme ich allerdings einen innerlichen Schreikrampf. Eigentlich sind es schon rund 55 Jahre her – mein Trauma «Dählhölzli» sollte längstens verarbeitet sein, aber es sitzt noch immer tief. Denn gefühlt jeden zweiten Sonntag – ob Sommer, Herbst, Winter oder Frühling – hatten meine Eltern die Idee, dass wir doch den sonntäglichen Familienspaziergang durchs Dählhölzli machen könnten. Meine Eltern waren gute Eltern, wussten, dass Kinder Bewegung und frische Luft brauchen. Ich habe es gehasst! Viel lieber wäre ich zuhause in meinem Zimmer geblieben – um ein gutes Buch zu lesen.
So war es halt: Meine kleine Schwester und ich mussten die Sonntagskleider anziehen – es war ja eben Sonntag. Und irgendwann musste ich nigelnagelneue Hosen anziehen, so Stoffhosen, die überall juckten und zwickten – und prompt stürzte ich irgendwo in diesem Tierpark Dählhölzli hin – mit dem Resultat, dass die nigelnagelneue Hose ein riesengrosses Loch hatte. Mutter tobte und ich grinste vor Freude über die kaputten unbequemen Hosen, die überall juckten und zwickten.
Sonntäglich rausgeputzt fuhr uns Vater jeweils mit dem Auto vom Weissenbühl zum Eingang vom Tierpark. Das gleich beim Eingang gelegenen Restaurant liessen wir links liegen und latschten zuerst der Aare entlang, dann ging es durch den Wald hoch, vorbei an Gehegen mit irgendwelchen Rehen, Hirschen und anderem Getier – stundenlang – bis wir dann irgendwann wieder beim Restaurant landeten. Einkehren? Nö, denn es gab ja dann anschliessend an den Spaziergang ein spätes Mittagessen. Und in der Erinnerung kochte meine Mutter immer wieder das gleiche sonntägliche Menu: Ein Poulet mit Haut und Knochen, dazu aufgewärmte Erbsli und Rüebli aus der Büchse.
Nun schliesst sich also der Kreis: Bewegung und frische Luft tut nicht nur kleinen Kinderchen gut, sondern offenbar eben auch uns Senior*innen. Und mir wird vorgeschlagen, mit «Seniorinnen und Senioren» bei einem Rundgang den Tierpark «ganz entspannt zu erleben». Ich will das nicht – das Trauma «Tierpark Dählhölzli» sitzt noch zu tief!
Letztmals im Tierpark Dählhölzli war ich wohl vor etwa 20 Jahren – frisch verliebt notabene! Unser sonntäglicher Spaziergang führte uns damals auch durch den Streichelzoo. Und da fiel vor allem auf, dass einerseits es offenbar noch immer in Mode ist, den Kinderchen im Dählhölzli Bewegung und frische Luft zu bieten, andererseits vor allem die Väter mit den Kinderchen unterwegs waren. Ob die Mütter zuhause ein gutes Buch lasen oder sonst Ruhe vor den Kinderchen und dem Gatten wollten, habe ich damals nicht in Erfahrung gebracht. Lustig war allerdings mein Freund, der da mitten im Streichelzoo ernsthaft fragte: «Darf mann hier eigentlich nur die Tiere streicheln, oder auch die jungen Papis?». Wir lachten wie zwei verliebte Gockel über den gelungenen Spruch und gönnten uns danach im Restaurant Kaffee, Kuchen und ein Gläschen Prosecco. Stösschen auf den Tierpark Dählhölzli!
Das Bild zeigt mich übrigens im zarten Altern von acht Monaten im Kinderwagen. Ob das Foto während meinem ersten Spaziergang im Dählhölzli aufgenommen wurde?
