Vor über 40 Jahren haben die HAB, die Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern, einen Film fertig gestellt, der drei Jahre vorher abgedreht wurde. Er bekam den Titel «Zwätschgegrill» und forderte die Zusehenden auf, den Alltag doch durch die Rosa Brille zu betrachten und so neu zu erleben. Die Arbeitsgruppe des diesjährigen Schweizer Pavillons an der Kunstbiennale in Venedig bringt den «Zwätschgegrill» nun ausschnittweise an die Kunstbiennale in Venedig.
Lange Zeit war «Zwätschge» die Bezeichnung für eine Tunte. Und der «Zwätschgegrill» war eine Bretter-Terrasse im Berner Marzili-Bad, wo sich die Schwulen in der Sonne räkelten. Der Film wurde gedreht von Paul Baumann, Nik Debrunner, Bruno Egger und Marc Meystre. «Zwätschegrill oder Der gehörige Abstand zwischen den Badetüchern» – erzählt Geschichten von Badeanstalten, von Klappen und anderen Möglichkeiten des Verlustierens des homosexuellen Mannes in den 1980er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Film sei – so steht es im Vorspann – dilettantisch sexistisch, schwanzfixiert, polymorph-pervers, narzisstisch und jugendgefährdend. Damals gab es Tunten, Lederschwestern und Bewegungsschwestern und die schwule Emanzipation war im Aufbruch.
Ein paar Monate vor dem Abdrehen des Films wurde im Schweizer Fernsehen abendfüllend das Thema Homosexualität in der «Telearena» diskutiert. Schwule (und Lesben) sassen streng blickenden Gegnern gegenüber. Um auf das Thema einzustimmen, wurde ein Theaterspiel gezeigt. Matthias Gnädinger und Walter Andreas Müller traten als Klischee-Schwule auf, was die Stimmung unter den Teilnehmern gehörig anheizte. Diese «Telearena» war ein Debakel und sogar für die NZZ «niederschmetternd unfair». Und die Sendung hatte tragische Folgen: Einer der Diskussionsteilnehmer nahm sich das Leben und andere hatten ihre Arbeitsstelle verloren. Und ach ja, obschon das Thema der Sendung «Homosexualität» war, wurden die Lesben übergangen.
Während «Zwätschgegrill» gedreht wurde, führten die Homosexuellen Arbeitsgruppen zum 10jährigen Jubiläum 1982 eine Pressekonferenz durch. Es erschienen daraufhin in den Berner Zeitungen Artikel mit den Schlagzeilen «Eine Gesellschaft ohne unterdrückte Randgruppen» und «Schluss mit der Kriminalisierung». Die HAB zählte damals 115 Mitglieder. Erasmus Walser schrieb in einer Festschrift zur damaligen HAB:
«Liest man das in den Jahren 1981 bis 1984 viermal im Jahr erscheinende HAB-Info, drängt sich der Eindruck auf, man habe nicht bloss nach aussen agitieren wollen, wozu immer wieder die Gelegenheit ergriffen wurde, sondern man pflegte bewusst die Früchte der Selbsterfahrung und Gesprächskultur der 1970er-Jahre, indem ausdrücklich viele Themen des Erprobens spezifisch schwuler ‹Lebensweisen› redaktionell aufbereitet und zusammengestellt zur Sprache kamen. Das HAB-Info wurde zum Podium und zum Spiegel der Selbsterfahrung und Selbstdarstellung in allen Facetten der schwulen Existenz: das Verhältnis zu den Frauen, die Einsamkeit, Probleme der schwulen Identität, die verschiedenen Aspekte der schwulen Körperlichkeit, das Altern und alten Schwulen, der Strich, Wohnen, Militär, Gewalt gegen Schwule, «Ver-kehrsformen», Sprachregelungen u.v.a. wurden thematisiert.»
Mit diesem Hintergrund, die «Telearena» und die damaligen Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern, machen den Film «Zwätschegrill» zu einem wichtigen und spannenden Zeitdokument – und findet seinen Weg nun sogar an die Kunstbiennale in Venedig.
Die unvollendete Aufgabe des Zusammenlebens
Die Arbeitsgruppe des diesjährigen Schweizer Pavillons an der Kunstbiennale in Venedig nennt ihr Projekt «The Unfinished Business of Living Together». Die multimediale Installation beginnt mit Stimmen aus der «Telearena» aus dem Jahr 1978, eben die erste Gelegenheiten, bei denen Menschen, die sich als homosexuell identifizierten, eine Stimme in der Mainstream-Öffentlichkeit erhielten. Dabei ist der Arbeitsgruppe klar, dass die Herausforderungen des Zusammenlebens auch fünfzig Jahre später noch ungelöst, und Versuche des sozialen Wandels weiterhin im Wettbewerb mit etablierten Normen und institutionalisierten Systemen der Ausgrenzung und des Schweigens stehen.
